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Was wollt ihr alle? - Mir gehts doch super!

 

….”Hallo zusammen,
hat jemand von euch den Auftritt am Samstag von Maxim gesehen?
Ich bin ein total Fan von ihm, aber was ich am Samstag gesehen habe, hat mich wirklich sehr schockiert. Vor zwei Jahren noch als er sein 2. Reggaealbum rausbrachte, sah er total “fit” aus, war sehr lustig drauf und man sah, dass es ihm einfach gut ging. Jetzt am Samstag war er ein Wrack, sah total bleich aus, sein Gesicht war eingefallen. Ich habe ihn zuerst fast nicht erkannt, so schlecht sah er aus.

Abgesehen davon hat er leider seine Musik auch ziemlich verändert. Vor zwei Jahren noch hat er ja zwei Reggaealben rausgebracht und diese waren einfach nur super. Jetzt hat er seinen Musikstil gewechselt – wie auch sein Äußerliches – und die Musik hört sich ziemlich depressiv und traurig an.

Weiß vielleicht jemand was mit ihm los ist? Ist er vielleicht drogenabhängig oder erkankt?
Liebe Grüße”…

(User, Chiemsee Reggae Talk, “Da Reggae mi ned auf”, 2011)

“Spiel doch mal die alten Reggae Songs!”

 

 

 

 

 

 

 

Die Dinge ändern sich! So viel steht fest. Harry Potter hat Voldemort besiegt, die USA werden bald ihren ersten schwarzen Präsidenten abwählen, ich erinnere mich nicht mehr an die Hausnummer meiner geliebten Dachgeschosswohnung in Köln Zollstock, in der ich vor fünf Jahren angefangen habe mein zweites Album „Rückwärts fallen“ zu schreiben. Die Dinge ändern sich, da ist nichts zu machen, nur die Songs ändern sich nicht, die sind immer noch auf dem Album drauf und da werden sie auch immer bleiben.

Als „Rückwärts fallen“ rausgekommen ist, habt ihr eher gesehen, wo die Platte herkam, als wohin sie zeigte und das ist auch völlig OK! Aber jetzt mal ganz ehrlich: Wundert es euch wirklich so sehr, dass ich jetzt mit der Gitarre auf der Bühne stehe und Songs wie „Woher sollt ich wissen“ nicht mehr spiele? Auch wenn es mir nicht wirklich recht ist, aber ich werde nächstes Jahr 30! Die Dinge ändern sich und die Themen ändern sich auch. Ich kann mich jetzt einfach nicht mehr auf eine Bühne stellen und ohne rot zu werden über ihre „göttlichen Lippen“ und ihre „schuldlosen Blicke“ singen. Versteht mich nicht falsch, ich stehe zu dem Song – ich stehe zu jedem Song, den ich geschrieben habe – und ich freue mich auch, dass ihr sie immer noch so feiert! Aber das reicht einfach nicht aus, um damit auf die Bühne zu gehen.

Die Dinge ändern sich, die Zeit ist nicht aufzuhalten, das ist jedem klar. Aus irgendeinem Grund ist es aber so, dass die Bands am besten immer so bleiben, wie sie waren, als man sie zum ersten Mal gesehen hat. Ihr macht Abi, studiert, werdet erwachsen, kriegt Kinder, kriegt Falten… nur wir nicht, wir sollen uns treu bleiben. Und das bedeutet das zu sein, was ihr euch darunter vorstellt. Seid ehrlich, so ist es doch! Ich bin auch ein Fan, ich kann das verstehen. Ich hab mir mein Einziges Dylan Konzert auch anders vorgestellt, aber was Solls: die Dinge ändern sich.

Und die Geschmäcker ändern sich natürlich auch. Klar kann ich nicht von euch erwarten, dass ihr die Augen zu und den Mund aufmacht, in Erwartung auf die Praline, auf die ihr euch gefreut habt, und dann in Jubel ausbrecht, wenn ich euch plötzlich ein saftiges Stück Steak in den Mund schiebe. Aber hey, was soll ich machen. Für Pralinen ist mir die Muse ausgegangen! Es ist völlig OK, wenn ihr das Stück Steak ausspuckt, es ist auch völlig OK, wenn ihr nie wieder ein Stück Steak anrührt, aber stellt euch nicht noch mal vor die Bühne, macht die Augen zu und den Mund auf und erwartet eine Praline von mir, denn ich werde euch immer wieder mit Steak füttern!

Ach ja, und wenn ihr mich bestellt habt, damit ich die Leute füttere, ohne vorher zu fragen, ob es noch Pralinen gibt, dann kann ich nur sagen: Die Dinge ändern sich!

Lg

Maxim

PS: Big up Parkfest Waltrop und Chiemsee Reggae Summer, trotz kleiner Geschmacksverwirrungen hab ich es sehr genossen!!!

Videos... und so..

Das Musikerleben ist einfach nicht zu toppen!

Da wird man hoch in den Norden geschickt, bekommt von sehr netten Leuten ein Sofa an einen menschenleeren Strand getragen und wird dann dabei gefilmt, wie man die Nase in den Wind hält, aufs Meer schaut und den Mund auf und zu macht – besser gehts nicht! Und weil es so schön war, haben wir am nächsten Tag gleich das nächste Video gedreht – in einem kalten schimmligen Kellerloch!

Big up Landoman! Ich bin gespannt, was draus wird!!!

Maxim

Neuer Song, neue Platte: Asphalt

 

So Leute! Da ich in letzter Zeit recht oft die Frage: „Warum hastn du keine CDs dabei?“ gehört habe und immer nur mit: „Ähhh…die neuen Songs gibs nur online“ antworten konnte, haben wir Euch jetzt ne richtig schicke CD gepresst mit Texten und allem Drum und Dran. Alle guten Dinge sind ja bekanntlich drei und so muss auf drei EPs á drei Songs natürlich Album Nummer 3 folgen und zwar ab dem 23.09.2011. Selbstverständlich sind da auch Songs drauf, die ihr noch nicht kennt. Den Titeltrack „Asphalt“ z.B. und den gibt es jetzt zum Vorhören.

Ach ja… – apropos alle guten Dinge sind drei. Im Herbst gehe ich mit meinem Trio auf Tour. Da hab ich dann auch auf jeden Fall CDs dabei:)

So was von da

War neulich wieder in meinem Lieblingsbuchladen, der Buchbox. Da gehe ich jedes Mal hin, wenn ich in Berlin bin. Der Laden ist so groß wie mein Zimmer, was einem die blöden Rolltreppen erspart, auf denen man sich immer vorkommt, wie fertig verpacktes Hackfleisch auf dem Fließband, an dessen Ende man dann den Grinsefressen von Jamie Oliver oder Daniel Kübelböck in die Arme plumpst. Die Buchbox ist das exakte Gegenteil, dort entscheidet ein Mensch mit einer eigenen Meinung was er verkauft und was nicht. Dieses Mal fiel meine Wahl auf „So was von da“ von Tino Hanekamp. Überzeugt hatte mich ein schöner Satz auf dem Buchrücken „Ich befürchte, ich bin wach“. Das Buch spielt in Hamburg und handelt von Clubbetreiber Oskar, der einen Haufen wunderbarer Probleme hat (z.B. Erpressung durch Kiez Kalle oder Liebe).

Aber das alles erzähle ich euch nicht, weil ich vor habe hier ein Buch zu rezensieren, sondern weil ich auf Seite 79 plötzlich über zwei Zeilen gestolpert bin, die ich schon mal irgendwo gehört hatte. Da fährt der Oskar einem Rasta rückwärts rein, aus dessen Türe -schöner Zufall- ein Song von mir rieselt (er nennt es Reggaepop, was es ja leider auch ist). Habe ziemlich lange gebraucht, bis ich gerafft habe, dass diese Zeilen mein zwanzigjähriges Ich geschrieben hat:

Reg dich nicht auf, komm wieder runter Mann,

Reg dich nicht auf, ist doch kein Weltuntergang“.

Ich habe dem Herrn Autor daraufhin eine kurze Mail geschrieben und wir sind uns einig geworden, dass er mir dafür ein bis drei Bierchen schuldet. Er ist übrigens der Mitgründer vom „übel und gefährlich“ in Hamburg und da habe ich vor tausend Jahren wohl mal mit Nosliw gespielt. Aber um doch noch mal auf das Buch zurückzukommen IN DEM ICH ZITIERT WERDE: Ich habe es in zwei Tagen verschlungen und mich, als es dann zu Ende war, fast schon ein wenig leer gefühlt. So schön leer und traurig, wie ich mich immer fühle, wenn ich ein wirklich gutes Buch gelesen habe.

Also ab in den Buchladen mit euch – wenns nicht anders geht auch einen mit Rolltreppe!

Maxim

Der Eiterpickel im Nasenloch meiner Existenz..

…ist das Warten. Ich hasse es, dieses verfluchte Monster, prallvoll mit sinnloser Flüssigkeit, die ich sinnlos vergieße, nur damit es sich wieder und wieder und immer wieder entzündet. Manchmal kommt es mir fast so vor als stünde ich von morgens bis abends in einer Warteschlange – einer gottverdammten Warteschlange, die in Wirklichkeit eine Menschenkette von Idioten ist, die ein Mal um die verfickte Welt reicht. Meine Genesis beginnt mit den Worten „am Anfang war das Warten…“, ich befinde mich in der ewigen Vorhölle, im Wartezimmer der Verdammnis und habe die verschissene Zahl Pi gezogen.

Aber bevor es überhaupt irgendeinen Grund für mich gibt auf irgendetwas zu warten, warte ich erst ein Mal auf Inspiration. Und darauf kann man lange warten, deshalb habe ich aufgehört so zu tun als würde ich nicht warten. Das ist wie Liften, Lippen aufspritzen und rosa Trainingshose mit Fakediamantschrift auf dem Arsch tragen, obwohl man den letzten Sex hoffentlich schon längst gehabt hat. Man muss mit Würde alt werden, also starre ich einfach so lange ins Leere, bis mir was einfällt. Dann warte ich, bis mein Produzent Zeit hat, dann warte ich bis meine Musiker Zeit haben, dann warte ich auf den Mix, das Master, auf Feedback, aufs Release-Date. Ich warte auf Konzertanfragen, darauf, dass sie sich bestätigen, auf den Tag des Konzerts selbst, darauf, dass wir durch den Stau sind, dass wir ankommen, auf den Soundcheck, dass wir endlich auf die Bühne dürfen, auf die Gage. Während dessen warte ich natürlich längst wieder auf Inspiration, in diesem Wartezimmer sitze ich eigentlich immer, ganz egal worauf ich sonst noch so warte. Zum Beispiel darauf, dass meine scheiß Erkältung endlich vorbei geht und ich mir die Zeit nicht mit dämlichen Blogs totschlagen muss. Morgen probe ich übrigens, hoffentlich gehts mir dann besser… mal abwarten.

Und das ist ja nur das akute Warten, das Symptom. In erster Linie wartet man natürlich auf den Erfolg, die Frau seines Lebens, bessere Zeiten, oder gleich auf die verdammte Erleuchtung! Wenn ich irgendwann meine Memoiren verfassen sollte, weiß ich jetzt schon den letzten Satz: „…und wenn ich nicht gestorben bin, dann warte ich noch heute!“. Aber halb so wild, ich bin ja nicht alleine im Wartefacebook…

Schönen Gruß vom anderen Ende der Welt, dauert nicht mehr lang!

Maxim


Guckt mal, meine Neue!

Eigentlich wollte ich ja nur die Alte zur Überholung bringen. Sie war ständig verstimmt, fing an Probleme zu machen – die gute Alte. Da muss dann halt mal der Arzt dran. Ich fahre also zum Guitar Center und übergebe sie dem Spezialisten. Der schaut sie sich sorgfältig von allen Seiten an, nickt wissend und unterbreitet mir daraufhin seine Verbesserungsvorschläge. Offensichtlich ist die Lage schlecht, abgenutzt ist die Gute und die richtige Einstellung hat sie auch nicht mehr. Drei bis vier Wochen wird es dauern. Ich bin einverstanden und so wandert meine Gefährtin zurück in ihren Koffer. Sobald sie mich nicht mehr sehen kann, lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen. Mein Herz schlägt schneller. Von allen Seiten lächeln mich die hübschen Ladys durch ihre Vitrinen an – wollen gezupft werden. Und dann sehe ich sie, rank und schlank und kann nicht anders. Der freundliche Gitarrenhalter grinst, in Anbetracht des stolzen Preises, der an ihrem Hals hängt, und öffnet die Vitrine. Er führt mich in ein kleines schalldichtes Zimmer und lässt mich mit ihr alleine. Ich greife mit der linken ihren Hals, lege meinen rechten Arm um ihren Körper, streichele ihre Taille. Sie ist viel dünner als meine Alte, nichts gegen ihren Körper, aber manchmal stört es mich schon, dass sie etwas fett ist. Kurze Zeit später ist es um mich geschehen – ich muss sie haben. Hoffentlich reißen meiner Alten nicht die Seiten, wenn ich sie nach all den Qualen, die sie durchmachen musste, um mir wieder zu gefallen, abhole und sie sieht, dass sie nicht mehr die Einzige ist.

Nosliw und seine Affen im sentimentalen Delirium

Heute Morgen um fünf Uhr (!) klingelt mein Handy. Mit einer Mischung aus Hass uns Sorge wanke ich zum Sofa und durchsuche die Hosentaschen. Ich bin zu spät, aber man hat mir draufgesprochen. Es sind: Der gute alte Nosliw und die Affen von Monkey Bizness – VOLLKOMMEN HACKEDICHT!!! Lallen sich mit ihren tauben Zungen und Sabberlippen irgendwas zusammen „ÖÖÖÖy…Magsssiiiim…wasssup…ssssind hier im Sssstadtaffen…gehrangehran…warrum bissu in Berlin…wirrufen nochma an“. Sie haben anscheinend ihre sentimentale Stunde und würden mich gerne in ihre stinkenden Arme nehmen, wissen aber, dass ich in Berlin bin. Ich schreibe ihnen in einer kurzen unmissverständlichen SMS, dass sie sich ins Knie ficken mögen und aufhören sollen meinen Schlaf zu terrorisieren. Kurz darauf klingelt es wieder. Die ganze Mannschaft grölt “echte Fründe stonn zusamme…” – Aschermittwoch ist wohl an ihnen vorbeigegangen. Ich lege auf und versuche wieder einzuschlafen, bin zugegebenermaßen schon etwas neidisch, dass ich nicht dabei bin, aber was solls. Gerade als ich es geschafft habe wegzudämmern, erreicht mich eine letzte Gute-Nacht-SMS “Penis Penis dicke Schwänze”…was auch immer das heißen soll.

Da sah er ja noch ganz gut aus…

Zehn Jahre Rootdown Part 1

Part 1

Letzten Samstag hat mein Lieblingslabel Rootdown zehnjähriges Bestehen gefeiert. ZEHN JAHRE!!! Sieben Jahre davon habe ich miterlebt. Und weil es so schön war, möchte ich euch ein Paar kleine Einblicke in unsere Welt gewähren. Ich könnte jetzt anfangen mit: Wir befinden uns im Jahre 2011 n. Chr. Die ganze Musikindustrie ist von Vollidioten besetzt … die ganze Musikindustrie? Nein! Ein von unbeugsamen Workaholics bewohntes Kellerbüro hört nicht auf, den Idioten Widerstand zu leisten. Aber das ist ja irgendwie abgegriffen, also…

Zwei Morgenmuffel sitzen und starren. Ihre Bildschirme sind der eiserne Vorhang zwischen meiner und ihrer Welt. Ich weiß nicht viel von ihrer Welt, aber nach ihrer Gesichtsfarbe zu urteilen, hat dort schon lange keine Sonne mehr geschienen. Vorsichtig komme ich näher. Ich bin ein Eindringling, ein Fremdkörper, ich gefährde die schlechte Laune. Obwohl sie mich längst wahrgenommen haben, bleiben ihre Pupillen demonstrativ an den Bildschirmen kleben. Gerade überlege ich, ob ich mich nicht einfach schnell wieder aus dem Staub machen soll, da kommt der Dritte rein. Er grinst wie fucking Steve Irwin mit Hand im Krokodilmaul (Ihr wisst schon, dieser wahnsinnige Australier mit Hang zu Krallen, Stacheln und Reißzähnen). Scheinbar ist ihm nicht klar, dass er sich in Gefahr befindet. Was die beiden Muffel mühsam an mieser Laune auf die Waage gebracht haben, gleicht er locker wieder aus. Ich warte auf einen Knall, auf eine chemische Reaktion, ein Gewitter oder sonst irgendwas, das passiert, wenn zwei Extreme aufeinanderprallen – aber nichts da. Der Glückspilz spaziert einfach rein in den Club wie Bin Laden ins Pentagon und erntet nicht mehr als ein kurzes Knurren. Unglaublich! Und das geht jetzt schon seit zehn Jahren so. Die Welt sollte sich ein Stück bei euch abschneiden Jungs! Ihr habt die Formel für den Frieden!

Ach ja und was ich nicht vergessen will: Ich liebe euch!!! (natürlich auch den Vierten im Raum nebenan)

Maxim

Irland..

Zwischenlandung in Dublin

Starbucks, H&M, Subway, Footlocker, Mc Donalds, Burgerking… – die Uniform unserer Innenstädte. Man landet irgendwo, folgt den Pfeilen, steigt in einen Bus, wird von einer freundlichen Retortenstimme in Französisch, Englisch und Spanisch willkommen geheißen, steigt wieder aus, dreht sich ein mal um die eigene Achse und – kennt sich aus. Die Spannung lässt nach, das Adrenalin hört auf zu wirken, die ganze Aufregung umsonst. Es ist, als hätte man die Augen zu gemacht und jemand hätte sämtliche Erdgeschosse, mit samt Vitrinen, Schaufensterpuppen und Leuchtreklamen ein mal kurz durcheinandergewürfelt. Man ist noch nie dort gewesen und doch hat man die Hälfte der Läden schon tausend mal von innen gesehen. Ich hasse Stadtzentren! Paris, London, Berlin…scheiß egal, ich hasse sie! Versteht mich nicht falsch, ich liebe Städte, aber um ihre Zentren gehe ich einen Bogen, wie um dampfende Hundescheiße. Ein mal im Jahr, und zwar NUR ein Mal im Jahr, am dreiundzwanzigsten Dezember, komme ich nicht drum rum mich auch in den Menschenmüll zu quetschen und so schnell wie möglich irgendwas zu kaufen. Aber heute ist noch nicht der Dreiundzwanzigste. Heute ist der sechsundzwanzigste November, ich habe also noch fast einen Monat, und trotzdem stehe ich in einem Stadtzentrum. Im Stadtzentrum von Dublin, um genau zu sein, aber das ist, wie gesagt, völlig egal. Dublin trägt dieselbe Uniform wie jede andere westliche Innenstadt: “Starbucksh&msubwayfootlockermcdonaldsburgerking”.

Ich muss hier weg! Es ist zwölf Uhr und ich fliege erst um sechs weiter nach Cork. Vier Stunden halte ich es hier nicht aus. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo ich bin und wo ich hin soll, um ehrlich zu sein weiß ich gerade noch nicht mal, wo Dublin auf der Karte liegt – fuck, um ganz ehrlich zu sein, hätte ich Irland fast schon wieder mit Schottland verwechselt. Am besten gehe ich einfach irgendwo hin. Ich habe ja Zeit um mich wiederzufinden. Nach einer halben Stunde habe ich die “Starbucksh&msubwayfootlockermcdonaldsburgerking”-kontaminierte Zone verlassen. Da ist ein Fluss, ich gehe drüber und plötzlich ist Dublin richtig schön. Möwenschreie hallen zwischen Backsteinwänden hin und her, kleine Häuser mit bunten Türen. Wahrscheinlich bin ich in irgendeinem Trendviertel gelandet, aber was solls, mir gefälltes. Pubs, Restaurants und was sehe ich da? Ist das etwa ein Pla…ist das wirklich ein echter..Plat…nein, das kann doch nicht wirklich ein Plattenladen sein, ein richtiger P-l-a-t-t-e-n-l-a-d-e-n. Kein “Mediamarktsaturnkaufhof-Schnellabfertigungs-CD-Leichenschauhaus” mit Mp3 Albumsnippets. Nein, ein echter, kleiner, schnuckliger Plattenladen mit vollbärtigem Verkäufer mit glänzenden Augen und tiefen, dunklen Augenringen darunter, ein Plattenladen mit Musik vom Plattenspieler und diesem Geruch – herzerwärmend. Ich höre dies und höre das und irgendwann schaue ich auf die Uhr und…ach du scheiße


Cork

Vielleicht liegt es am vielen Bier, aber ich kann einfach nicht aufhören zu grinsen. Ich glaube ich könnte bis ans Ende meiner Tage in diesem Pub sitzen und den Iren beim Musizieren zuhören. Die sitzen da einfach mit ihren Instrumenten vor einem Pint Murphys und spielen mit geschlossenen Augen uralte Lieder, die sie kennen seit dem sie hören können. Lieder übers Saufen, Lieder über gebrochene Herzen, roh und echt. Der Sänger ist ein Koloss von Mann, seine Stimme ist lauter als alle vier Gitarren plus Perkussion zusammen. Er trägt ein Rugby Trikot und spielt Banjo. Direkt neben ihm sitzt ein ca. siebzig Jahre alter Mann mit weißem Vollbart, zotteligen Haaren und schlechten Zähnen. Er benutzt zwei einfache Löffel wie Kastagnetten und groovt wie Sau. Sein Sohn – er ist ihm, wie aus dem Gesicht geschnitten – sitzt ihm gegenüber und spielt Mandoline. Zwei weitere Gitarristen sitzen mit dem Rücken zu mir. Zwischen den Songs legen alle ihre Instrumente auf den Tisch und widmen sich ihrem Bier. Manchmal fängt dann ein älterer Herr am Tresen an zu singen. Er singt Balladen, acapella, legt seine Stirn in Falten, öffnet kein mal die Augen. Seine Stimme schwebt erhaben und trocken im Raum, alle anderen Stimmen verstummen. Er entblößt seine Seele, ohne Fremdschämen, ohne auf die Tränendrüse zu drücken, ohne sich zu entwürdigen. Alle schauen ins Leere und lauschen, Strophe für Strophe, bis er fertig ist; aus Respekt vor ihm und aus Respekt vor der Tradition. Es ist ein starker Moment, eine wertvolle Erinnerung, ein Gefühl, das mir gefehlt hat.

Manchmal vergisst man als Musiker, warum man das alles überhaupt macht – an einem Ort wie diesem erinnert man sich wieder.